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Über AlzChem

Ein Baustein der Feldhygiene

Tagung von AlzChem zum Pflanzenschutz mit Kalkstickstoff

Autor: Michael Schlag

Veröffentlichung: Hessenbauer + Pfälzer Bauer/Der Landbote - Ausgabe 26/18

 

Der Anbau von Raps in Deutschland zeigte in den vergangenen 40 Jahren eine beispiellose Entwicklung: Von etwa 100 000 ha Anfang der 70er Jahre (fast nur in Schleswig-Holstein) stieg die Anbaufläche auf heute 1,5 Mio. ha, denn der Raps passte hervorragend in getreidereiche Fruchtfolgen. Aber mit dem Anbauumfang nahmen auch die Probleme zu.

 

In den vergangenen Jahren hat der Ruf des Rapsanbaus gelitten: Immer öfter erlebt der intensive Anbau Ernteeinbrüche, so 2002 durch Nässe, 2003 durch Hitze, 2011 und 2017 durch Frost. Und mit dem Verbot der Neonicotinoide zur Saatgutbeizung zeigt der generelle Trend nach unten: „Seit 2014 gehen die Erträge zurück,“ sagt Dr. Hansgeorg Schönberger, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens NUAgrar. „Wird der Raps vom Musterknaben zum Sorgenkind?“, fragte deshalb Schönberger auf einer Tagung des Kalkstickstoff-Herstellers AlzChem kürzlich in Butzbach. Und wächst dem althergebrachten Kalkstickstoff möglicherweise wieder eine stärkere Rolle als Pflanzenschutzmittel zu, mit Anwendungen in Raps, Getreide und Kartoffeln, selbst als Unterfuß-Düngung in Zuckerrüben?

 

„Der Rapsanbau wird zurückgehen“

Der hohe Schädlingsdruck im Raps sei nicht nur auf enge Fruchtfolgen zurückzuführen, sondern „hat mit der Anbaufläche zu tun“, sagt Schönberger. Großflächige Strukturen wie in Ostdeutschland seien eher günstig, denn dadurch entstehen innerhalb der Landschaft weite Entfernungen zwischen den Rapsschlägen. Hessens kleine Feldstruktur dagegen schafft „alle paar hundert Meter Raps“ und bietet Schädlingen kurze Wege zur Verbreitung. Insgesamt stellt Schönberger die Prognose: „Der Rapsanbau wird zurückgehen.“ Er schätzt die künftige Fläche in Deutschland auf 1 Mio. ha, das wäre etwa ein Drittel weniger als heute. Zwar solle man den Raps als Blattfrucht weiter ins Kalkül ziehen, sagt der Ackerbauexperte, die Frage aber sei: „Wie bauen wir in Zukunft Raps an?“

 

Bodenbearbeitung nicht vernachlässigen

Ein Punkt: Die Bodenbearbeitung verdiene mehr Beachtung. So werde der Erdfloh durch lockeren Boden gefördert, Schönberger: „Wenn ich eine gute Rückverfestigung habe, habe ich weniger Probleme mit Erdfloh.“ Wirksam sei zum Beispiel, den Boden noch einmal zu walzen. Der Berater betonte zudem mehrfach, auf die sehr frühe Aussaat zu verzichten: „Wir können auch am 25. oder 28. August säen und kommen dann näher an die kühleren Bodentemperaturen.“Von der Methode, einem Ausfallrisiko gleich mit höherer Saatstärke vorzubeugen, rät Schönberger ab; es sei nicht entscheidend, wie viel Kilogramm pro Hektar ausgesät werden, sondern wie viele Pflanzen in der Reihe stehen. Das heißt: „Den optimalen Einzelpflanzenabstand von 12 bis 15 cm einhalten, man muss so vorgehen wie bei Mais und Zuckerrüben.“

 

Verbot der Beizung fördert Auflaufschädlinge

Insbesondere das Verbot der Beizung gebe den Auflaufschädlingen neuen Raum, darunter Springschwänze, Drahtwurm, Kohlfliege und Erdfloh. „Darüber mussten wir bisher gar nicht viel nachdenken“, räumt Andreas Storck ein, Ortslandwirt von Berstadt im Wetteraukreis. Nun aber habe man Schädlinge, deren Bekämpfung mit Insektiziden nicht möglich oder nicht legal sei. Als Alternative kommt jetzt Kalkstickstoff in die Überlegung, seine Wirkung gegen Auflaufschädlinge sei zwar nicht hundert Prozent, aber „man kann etwas machen“, so Schönberger. So könne eine Gabe von 200 kg Kalkstickstoff  pro ha den Befall mit Kohlfliegen um 40 bis 60 Prozent senken. Und die Düngung mit Kalkstickstoff zwei bis drei Wochen vor der Saat sei derzeit die einzige Möglichkeit, um den Befall mit Drahtwurm einzudämmen.

 

Stickstoffdünger übernimmt Teile des Pflanzenschutzes

„Kalkstickstoff ist ein Baustein in der Feldhygiene“, erklärt Ewald Ebert, AlzChem-Anwendungsberater für Hessen. „Durch die Bildung von Cyanamid kann er Schädlinge in der Breite eindämmen“. Wie der Ackerbau mit Kalkstickstoff auf ihren Flächen funktioniert, zeigten Philipp und Sebastian Möbs aus Nieder-Mörlen (Bad Nauheim) in Raps, Weizen und Kartoffeln. „Gerade im Raps übernimmt der Stickstoffdünger Teile des Pflanzenschutzes, bei jeder Düngung wird bei uns ganz oder teilweise Kalkstickstoff eingesetzt“, erläutert Möbs Auf dem besichtigten Schlag wurde der Raps am 28. August gesät. „Der Raps hat zur Saat Kalkstickstoff bekommen, dann im Frühjahr Mischdünger und zur Spätdüngung 200 kg Kalkstickstoff - das war’s“, so die Betriebsleiter. Diese letzte Düngung mit „Kalkstickstoff solo“ fand am 12. April statt, erste Blüten waren schon zu sehen, und es war sozusagen eine kombinierte Dünger-Pflanzen-schutz-Maßnahme, denn „es hat keine Blütenbehandlung stattgefunden.“ Sebastian Möbs ergänzt die zusätzlichen Behandlungen: Im Herbst eine Herbizid- und Insektizid-Maßnahme, im Frühjahr eine Spritzung mit einem Insektizid und Fungizid „und seitdem haben wir nichts gemacht.“ Ewald Ebert (AlzChem) rechnet für den Raps vor: Eine Spätdüngung mir Kalkstickstoff verhindere Sclerotinia ohne Blütenbehandlung und „200 kg Kalkstickstoff kosten das Gleiche wie eine Blütenspritzung.“ Späte Saat plus Kalkstickstoff im Herbst ist für den Firmenberater auch die Methode der Wahl gegen Kohlhernie: Mit Kalkstickstoff ließe sich die Pflanze schützen und die Zeit überbrücken, bis die Bodentemperatur im Herbst unter 16 Grad fällt, „dann ist zwar noch Kohlhernie im Boden, aber es findet keine Infektion mehr statt.“

 

Methode „Kalkstickstoff-Vollsystem“

Insgesamt sind die Behandlungsgänge auf dem Acker deutlich reduziert, bestätigen die Landwirte, allerdings bei massiv höheren Kosten pro kg N für den eingesetzten Stickstoff. Bei gleichem Ertrag sei der Deckungsbeitrag aber gleich, „und wenn wir ein bisschen mehr ernten, haben wir schon etwas gewonnen,“ erklärt Ebert. Er nennt die bei Möbs praktizierte Methode „Kalkstickstoff-Vollsystem“ und hebt hervor: „Wir sind damit in der Lage, Bestände gesund zu halten“. Hansgeorg Schönberger schränkt allerdings ein, man solle immer darauf sehen, was tatsächlich auf dem Acker vorliegt: „Wenn ich einen Schlag habe, wo nie eine Kohlschoten-Mücke drin war, dann muss ich auch nichts machen“, sagt der Ackerbauberater. „Aber wenn ich einen Schlag habe mit Kohlschoten-Mücke, dann habe ich mit Kalkstickstoff einen indirekten Effekt, weil das Schlüpfen vermieden wird.“ Somit berechne sich die Preiswürdigkeit des Kalkstickstoffs immer als Summe des Düngerwertes plus der insektiziden Wirkung. „Und nur von diesen Effekten leben wir“, sagt Ebert, „das muss man klar sagen.“ Kalkstickstoff nur als Stickstoff-Düngemittel passe vom Preis her nicht, aber mit diesen Effekten zusammen sei es interessant.

 

Wie lange hält die Wirkung des Cyanamids?

„Spätestens nach acht bis zehn Tagen ist die Cyanamid-Phase vorbei,“ sagt Schönberger, dann sei es aufgenommen und mit dem weiteren Wachstum verdünne sich sein Gehalt in der Pflanze. Beim Erdfloh zum Beispiel reiche die wirksame Konzentration im Vierblatt-Stadium, auch noch bis in das Sechsblatt-Stadium, aber spätestens mit dem Achtblatt-Stadium sei sie vorbei. „Und jetzt ist die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn man mit einem Mikrogranulat im Sechsblatt-Stadium die Konzentration noch einmal anhebt“, so Schönberger. „Ich brauche ja dann nicht 300 Kilo, um die Konzentration hochzuhalten, sondern da reichen mir 50 oder 60 kg aus“. Das sogenannte „staubfreie Mikrogranulat“ für diesen Zweck gebe es bereits, sagt Ewald Ebert, doch es fehle noch die Verbreitung der notwendigen Ausbringungstechnik. Bernd Jäger, Nebenerwerbslandwirt aus Wölfersheim hatte ebenfalls am 12. April auf seinen Flächen eine Spätdüngung mit 250 bis 300 kg Kalkstickstoff gemacht. Am Tag darauf gab es einen starken Niederschlag. „Das hat wunderbar gepasst“, sagt Jäger, „aber wie sieht es aus, wenn wir in diesem Stadium streuen, und dann kommt kein Regen?“ Firmenberater Ewald Ebert von AlzChem sieht die Wirkung nicht unmittelbar an den Regen gekoppelt: „Was die Cyanamid-Phase angeht, habe ich keine Sorgen, Sie brauchen ganz wenig Feuchtigkeit, da reicht Tau aus.“ Und für die phytosanitäre Phase sei es sogar besser, wenn es zwei oder drei Tage nicht darauf regnet, damit erstmal eine Konzentration entsteht.

 

Wenige Überfahrten im Winterweizen

Gleich in der Nähe in der Gemarkung Obermörlen zeigte Sebastian Möbs seinen Winterweizen. Auch hier betont Ebert die insgesamt wenigen Überfahrten: „Keine lange Geschichte - dreimal gedüngt, einmal Fungizide, das ist das Ziel, das wir hier erreichen wollen“. Hansgeorg Schönberger schränkt allerdings ein: „Man kann mit Kalkstickstoff nicht alles erreichen; gegen Mehltauzuflug und gegen Rostzuflug hat man keine Chance“. Gegen Schwarzbeinigkeit indes gebe es eine gute Indikation. Verwendet wurde auf dem Weizenschlag dreimal Kalkstickstoff-Mischdünger. Diesen solle man keinesfalls selber anmischen, das müsse in einer professionellen Mischanlage beim Landhandel geschehen, betont Ebert.

 

Breitflächig in Kartoffeln, Unterfuß in Zuckerrüben

Die Kartoffeln auf dem Hof Möbs wurden vor dem Pflanzen breitflächig mit 5 dz Kalkstickstoff gedüngt. Nach dem Einarbeiten wurde im „All-in-one“-System gepflanzt. Gerade wenn ein Problem mit Drahtwurm bestehe, laute die Devise: „Man darf nicht sparen“, sagt Ebert. 150 kg Kalkstickstoff reichten nicht aus, um die notwendige Konzentration von Cyanamid im Damm zu erreichen. „Wenn ich einen akuten Befall habe, 400 kg, besser 500 kg.“ Neu ist die Unterfußdüngung mit Kalkstickstoff in Zuckerrüben, zu sehen auf den Rübenflächen von Markus Sames in Lützellinden (Gießen). Die Rüben wurden im Frühjahr vor der Saat mit 70 kg Stickstoff im Flüssigdünger ASL gedüngt plus 1,5 dz Kalkstickstoff, abgelegt seitlich von den Rüben in 5 cm Tiefe. „Die Alternative wäre, DAP unterzulegen, das kostet für den Stickstoff die Hälfte,“ sagt Markus Sames. Hier ging es aber darum, für die Unterfuß-Düngung in Rüben nachzuweisen, dass die Methode Rüben verträglich ist, sagt Ewald Ebert von AlzChem und erklärt, warum den Hersteller jetzt gerade die Zuckerrüben interessieren: „Hier erwarten wir die nächsten Indikationslücken."

Ewald Ebert, AlzChem, erwartet in Zuckerrüben die nächsten Indikationslücken. ©Michael Schlag
Dr. Hansgeorg Schönberger: „Seit 2014 sinken die Rapserträge.“ ©Michael Schlag
Philipp und Sebastian Möbs, Nieder-Mörlen, zeigen mit Kalkstickstoff versorgte Kulturen. ©Michael Schlag
Dr. Hans-Jürgen Klasse

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